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Freundschaft+, Mingles, offene Beziehung & Polygamie – was hat es mit den modernen Beziehungsmodellen auf sich?

Wenn man Oma und Opa Glauben schenkt, war das früher mit der Beziehung ganz einfach: Man lernt sich kennen, heiratet, bekommt Kinder und bleibt ein ganzes Leben lang zusammen. Für viele der gelebte Traum von der großen Liebe – für andere nicht mehr so ganz der richtige Weg. Oder vielmehr: noch nicht. Denn wie es scheint, fällt es uns immer schwerer, uns wirklich festzulegen. Wie sonst kommt es, dass gefühlt überall nur noch Nicht-Beziehungen zustande kommen? Was Verbindliches? Lieber erst mal nicht. Dann doch lieber eine Freundschaft+, eine Situationship oder wir sind eben Mingles. Oder wir gehen tatsächlich einen Schritt weiter und führen eine offene Beziehung oder eine polyamouröse Partnerschaft. So haben wir was Festes zum Wohlfühlen, müssen aber unsere Freiheit nicht vollständig aufgeben. Klingt doch prima! Oder doch nicht?

Auf jeden Fall gibt es ganz schön viele Möglichkeiten, um sich nicht mehr hundertprozentig auf den einen Traumpartner oder die Traumpartnerin festzulegen. Aber ist das jetzt gut oder schlecht? Oder gar keins von beiden? Wir haben das mal unter die Lupe genommen:

Je größer die Auswahl, desto schwerer die Entscheidung

Dass uns die Entscheidung für einen festen Partner immer schwerer fällt, ist kein Wunder. Schließlich eröffnen uns Dating-Apps wie Tinder eine riesige Auswahl potenzieller Liebschaften und für den ersten Schritt reicht ein kurzes Wischen übers Smartphone-Display. Wie soll man sich da bitte festlegen, wenn im nächsten Moment schon das nächste vielversprechende Date um die Ecke kommen könnte? Und in der Tat ist es psychologisch nachgewiesen: Bei zu vielen Auswahlmöglichkeiten sind wir oft schneller frustriert und auch weniger zufrieden mit unserer letztendlichen Entscheidung – immerhin haben wir das Gefühl, dadurch vieles andere zu verpassen. Es ist also besser, das Stöbern in den Apps und Dating-Portalen nicht zu übertreiben, sondern die Auswahl überschaubar zu halten. Und auch nicht immer daran zu denken, wen man eventuell sonst haben könnte. Immerhin stellt sich bei einem Date eher die Frage, ob unser Gegenüber in diesem Moment für uns passt und ob sich daraus mehr entwickeln kann. Alles andere wird sich dann schon zeigen. Ganz egal, wie die anderen Dating-Möglichkeiten aussehen.

Sind wir wirklich selbstsüchtig, wenn wir uns mehr wünschen?

Durch den Trend zu lockeren Beziehungsformen kommt schnell der Gedanke auf, dass die heutigen Generationen selbstsüchtig, verantwortungslos und einfach nicht mehr in der Lage sind, sich wirklich zu binden. Am besten so viel Spaß wie möglich mitnehmen, ohne die Rechnung dafür zu zahlen. Immerhin bedeutet eine langfristige Partnerschaft ja nicht nur eitel Sonnenschein. Und je mehr wir uns gefühlsmäßig auf den anderen einlassen, desto höher wird das Risiko, verletzt zu werden. Das lässt sich mit dieser verführerischen Unverbindlichkeit natürlich leicht vermeiden. Aber ist es wirklich so leicht erklärbar? Gibt es Freundschaft+ und all die anderen Formen heute bloß, weil wir egoistischer geworden wären?

Fangen wir doch einmal auf der anderen Seite an: Die lebenslange Ehe voller Liebe klingt romantisch und wundervoll, nur entspricht sie ja auch nicht überall der Realität. Wie viele Paare sind zwar seit Jahrzehnten zusammen, aber eigentlich gar nicht so glücklich miteinander? Wie oft kommt es vor, dass einer oder sogar beide Partner ein Leben lang zurückstecken und auf ein erfülltes Liebesleben verzichten, weil sie das bestehende Familienkonstrukt nicht gefährden möchten? Oder die Angst haben vor dem sozialen Druck oder finanziellen Schwierigkeiten, die oft mit einer Trennung verbunden sind? Und wie oft zerbricht eine Ehe dann doch irgendwann und der ausbrechende Rosenkrieg fordert seine Opfer? Wir alle und gerade Scheidungskinder haben gute Gründe, vorsichtig zu sein, weil wir eben auch den Schmerz kennen, der mit nicht-glücklichen Partnerschaften verbunden ist. Von daher kann Egoismus zwar ein (Teil-)Grund für alternative Beziehungsmodelle sein, ist aber bei Weitem nicht der einzige. Vielmehr haben wir durch unsere immer offener werdende Gesellschaft einfach mehr Möglichkeiten, um den richtigen Weg für uns zu finden. Und so sind wir auf der Suche nach Liebe zum einen vorsichtiger und zum anderen vielleicht eher dazu bereit, etwas Neues auszuprobieren. Um am Ende das zu finden, was uns wirklich glücklich macht.

Von Freundschaft+ bis Polyamorie – die gängigsten Konzepte

Aber welche Möglichkeiten sind das genau? Im Grunde gibt es neben der klassischen Partnerschaft drei verschiedene Arten von Beziehungen:

Unverbindliches Miteinander – Situationship, Freundschaft+, Mingles

Wie ihr es nennen mögt, ist eure Sache – auf jeden Fall geht ihr hier keinerlei tiefere Verpflichtungen ein. Man kommt gut miteinander aus und trifft sich regelmäßig zum Sex oder auch einfach nur zum gemütlichen Abhängen oder Freizeit-Aktivitäten. Also im Grunde perfekt, um sich nicht einsam zu fühlen. Vielleicht entsteht mit der Zeit sogar eine Beziehung daraus. Dafür besteht die Gefahr, dass nur einer sich verliebt und daraus eine kleine Krise entsteht.

Offene Beziehung / offene Ehe

Hier fühlen sich beide Partner genauso fest verbunden wie in einer klassischen Beziehung, doch gewähren sich gegenseitig das Recht, Sex mit anderen zu haben. Wichtig ist dabei, dass die Liebe ausschließlich dem Partner vorbehalten ist. Daneben sind zwar auch längerfristige Affären denkbar, tiefere Gefühle werden dabei aber normalerweise vermieden. Der feste Partner geht immer vor.

Oft wird die Öffnung als sexuelle Bereicherung wahrgenommen oder als Möglichkeit, sexuelle Vorlieben auszuleben, die der Partner nicht erfüllen kann oder möchte. Demgegenüber steht das Risiko, dass Eifersucht die Liebe gefährdet – weswegen großes Vertrauen und ein klares Regelwerk sinnvoll sind.

Polyamorie

Im Gegensatz zur offenen Beziehung gehören im polyamorösen Beziehungsmodell die Gefühle gegenüber anderen Partnern ausdrücklich dazu. Man ist in der Lage mehrere Personen gleichzeitig zu lieben und führt im Grunde mehrere Beziehungen parallel zueinander. Eine Form der Partnerschaft, die wesentlich komplexer und mitunter herausfordernder sein kann als die klassische Beziehung. Daher nur für Menschen geeignet, die sich wirklich danach fühlen und auch langfristig damit umgehen können. Sonst sind Eifersuchtsdramen nur eine Frage der Zeit.

Mit Risiken & Nebenwirkungen – doch zugleich mit der Chance auf mehr Ehrlichkeit

Vollkommener Quatsch oder Ausdruck purer Egoismus sind diese modernen Beziehungsmodelle also auf gar keinen Fall, auch wenn sie leider manchmal missverständlich vorgeschoben werden, um sich quasi die Erlaubnis zum Fremdgehen zu geben. Macht man sich dagegen einmal bewusst, dass auch die monogame Beziehung ihre Schattenseiten hat und wie oft Partner einander betrügen – aus welchen Gründen auch immer –, kann eine unverbindliche oder offene Partnerschaft die Chance auf mehr Ehrlichkeit bedeuten. Denn indem mit offenen Karten gespielt und/oder sexuelles Verlangen im gegenseitigen Einverständnis auch woanders ausgelebt wird, bleibt das Vertrauen immer gewahrt. Und das ist für viele mit der wichtigste Anker in einer Beziehung.

Am Ende ist es immer die eigene Entscheidung, die zählt – und niemand hat das Recht, das von außen zu bewerten. Wichtig ist nur, dass sich die Partner wirklich einig sind, in welcher Form von Beziehung sie zueinander stehen. Denn driften die Ansichten hier auseinander, ist die Katastrophe vorprogrammiert. Deswegen steht am Anfang immer das offene Gespräch. Unabhängig davon, ob man sich gerade erst kennengelernt hat oder über eine Veränderung der Beziehung nachdenkt.

Außerdem gilt das Gleiche wie bei der Partnerwahl: Egal für welches Beziehungsmodell wir uns auch entscheiden, wir sind nicht auf ewig daran gebunden. Vielleicht funktioniert es dauerhaft, vielleicht fühlt sich aber auch irgendwann der Wechsel zur klassischen Partnerschaft/Ehe richtig an. Solange wir fair miteinander umgehen, haben wir alle Möglichkeiten.